|
Landesverband |
![]() |
|
Herrn 40479 Düsseldorf |
Graf-Adolf-Straße 100 Telefon
0211/90 69 50 e-mail dstg.nrw@t-online.de |
11. August 2003
Interview im Finanzreport
Ausgabe Juli 2003
Sehr geehrter Herr Dr. Noack,
ich habe Ihr Interview in
der o.g. Ausgabe des Finanzreports eingehend gelesen. Ihre Antworten reizen
mich, Ihnen meine Auffassung zu Ihrem Interview nicht vorzuenthalten.
1.
Weniger Geschenke auf dem Gabentisch
Im Gegensatz zu Ihrer Familie, hatten viele
Familien meiner Kolleginnen und Kollegen noch nie die Möglichkeit, ausreichend
Geschenke zu Weihnachten kaufen zu können, da das Weihnachtsgeld im großem
Umfang dafür genutzt werden musste, um wichtige, die Existenz der Familie
betreffende Ausgaben, zu bestreiten. Mit der Kürzung dieses Betrages wird nicht
die Geschenkeflut zu Lasten der Kinder eingedämmt, sondern es werden
gravierende Einkommenskürzungen erfolgen müssen, um weiterhin die für die
Familienexistenz wichtigen Ausgaben zahlen zu können.
2.
Kürzungen durch Weihnachtsgeld, Streichung von Urlaubsgeld, Arbeitszeitverlängerung,
Stellenabbau
Ich habe es Ihnen gemeinsam mit der
Landesleitung immer wieder bei unseren Besprechungen vorgetragen, dass
wir als Steuerverwaltung auf zustehende Gelder bewusst verzichten. Ich
weiß, dass alle meine Kolleginnen und Kollegen dies genauso so sehen und
werten. Für
mich ist es ein Debakel, dass der Finanzminister sich politisch nicht
durchsetzt, um dieses Geld herein
zu holen.
Für mich ist es ein Offenbarungseid der Führung
der Finanzverwaltung, bei einer Arbeitszeitverlängerung über
1.400 abzubauende Stellen auszuweisen. Ich weiß, dass dieser Abbau nicht von heute auf
morgen erfolgt. Allein die Tatsache, dass er erfolgen soll, ruiniert die
Steuerverwaltung in ihrer ureigensten Aufgabenstellung . Dies ist politisch
gewollt! Wird die Steuerverwaltung eigentlich nur dann noch
politisch als "hoffähig" angesehen, wenn das Land vor dem
Insolvenzgericht erscheinen muss?
Im übrigen, wenn das Land NRW in der
schwierigsten Lage seit Kriegsende steckt, ist das doch nicht auf die
Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter zurück zu führen, sondern auf das politische
Management. Im Grunde gilt für das Land das Gleiche wie für viele ehemals
florierende Unternehmen: Das Management war nicht fähig genug.
Ich will in keiner Weise verhehlen, dass
auch das Land viel Geld für die Deutsche Einheit zu zahlen hatte. Bis
auf ganz wenige Ausnahmen wurde uns doch allen suggeriert, das zahlen wir aus
der Portokasse.
Ich will nicht abstreiten, dass die
wirtschaftliche Entwicklung einen nicht unerheblichen Einfluss auf die
Steuerentwicklung hat. Aber gleichzeitig wird eine Steuerreform beschlossen, die in ihrer
politischen Naivität nicht mehr übertroffen werden kann, wenn dies den
Unternehmen, die der Körperschaftssteuer unterliegen, riesige steuerliche
Vorteile verschafft.
Hätte das politische Management mal einen
erfahrenen Betriebsprüfer nach dem denkbaren Verhalten dieser Unternehmen
befragt, so wäre es nicht zu diesen katastrophalen Ergebnissen gekommen, für
die wir als Angehörige der Steuerverwaltung mit unseren Groschen nun zahlen
sollen.
3.
Sparvorschläge für den öffentlichen Dienst
Sehr
geehrter Herr Dr. Noack, vielleicht ist es Ihnen entgangen, dass der zweite von
uns im Voraus bezahlte AZV Tag schon im Vorgriff auf eine Besoldungserhöhung
von der Landesregierung kassiert worden ist, wobei dieser Eingriff mit der
Gleichbehandlung zwischen Angestellten und Beamten begründet worden ist.
Hatte Frau Höhn sich damit wieder einmal
durchgesetzt, weil sie es nicht leiden konnte, dass zwar ihre angestellten
Mitarbeiter/innen eine Gehaltserhöhung bereits ab 01.01.d.J. kassieren konnten,
mit Einbuße des zweiten AZV-Tages, während die Beamten immer noch diesen Tag
nehmen konnten, da sie ja noch keine Besoldungserhöhung erhalten hatten?
4.
Sparen in der Vergangenheit/Sonderopfer
Sie
haben zutreffender Weise auf die bereits erfolgten Einsparungen bei den Gehältern
der Beamten hingewiesen. Ich glaube, die tatsächliche Zahl erreicht mehr die Zahl
von 4 Mrd. Euro. Aber auch Ihre Zahl
ist keine Zahl für die Vergangenheit, sondern setzt sich aufgrund der
gesetzlichen Maßnahmen jährlich fort. Das bedeutet für uns alle, dass wir Jahr für
Jahr auf Millionen von Euro an unseren Gehältern verzichten müssen.
Und
nun kommt die Landesregierung und will zusätzlich von uns Geld einfordern. Das
sind keine Sonderopfer? Was dann? Vielleicht eine versteckte Arbeitsplatzabgabe?
Es ist und bleibt ein Sonderopfer! Wir haben als Bürgerinnen und Bürger wie
alle Bürger sämtliche auferlegten Belastungen mitzutragen. Wir haben als Angehörige
der Steuerverwaltung schon seit Jahrzehnten die von Ihnen
selbst beschriebenen Kürzungen hinzunehmen und jetzt sollen keine weiteren
Opfer und damit Sonderopfer auf uns zu kommen! Herr Dr. Noack, ich wäre Ihnen
sehr dankbar, wenn Sie mir die Definition von Sonderopfern nach Ihrer Vorstellung mitteilen würden. Vielleicht kann
ich mich dann bereit erklären, ohne jeden Widerstand, Ihren Einsparungen Folge
zu leisten.
5.
Angestellte und Beamte
Ich freue mich diebisch, dass die
Landesregierung meinen angestellten Kolleginnen und Kollegen nicht so leicht
ans Leder kann wie sie meint es bei den Beamten tun zu können.
Auch die Kündigung der Tarifverträge über
das Weihnachts- und Urlaubsgeld mag vordergründig wichtig sein. In
der Realität des Lebens wird es nicht leichtfallen, diese Kündigung mit den
gewünschten Ergebnissen durchzusetzen. Erfreulicherweise für meine Kolleginnen und Kollegen im
Tarifbereich!
Sie sprechen davon, das wichtigste Potential des Unternehmens, nämlich
die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, pfleglich zu behandeln. Sie
geben auch zu, dass Fehler gemacht worden sind, die man jetzt korrigieren muss.
Ist das die Korrektur, in dem man diesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die
leider Beamtinnen und Beamte sind, gewaltig ins finanzielle Fleisch schneiden
will? Das können Sie doch im Ernst nicht glauben! Ich für meinen Teil sage Ihnen in aller
Deutlichkeit, meinen Beamtenstatus können Sie geschenkt haben. Ich
wäre lieber Angestellter und könnte Ihnen dann mit anderen Mitteln die
gemachten Fehler deutlich machen.
Sie sagen ebenfalls, dass die Einsparmaßnahmen sich im Rahmen des Art.
33 GG bewegen. Ich sage Ihnen, alles zusammen, sowohl aus der Vergangenheit als
auch für die Zukunft sprengt diese Rahmen. Nach meiner nicht juristischen
Auffassung wird der Art. 33 GG von der Landesregierung mit allen Einsparungen
in ihrer Gesamtheit mit Füßen getreten. Sie können deshalb auch von mir nicht länger
erwarten, dass ich mich an die Verfassung halte, die die Politik vorsätzlich
außer Kraft setzt.
Im übrigen bewerte ich Ihren Hinweis auf die Angestellte aus dem
Finanzministerium, die die Sparmaßnahmen für die Beamten für ungerecht hält, als
einen Akt der Solidarität unter Kollegen.
6.
Teilzeitbeschäftigte
Sehr geehrter Herr Dr. Noack, Ihre Aussage
zu den Teilzeitbeschäftigten und hier hauptsächlich zu den allein
erziehenden Müttern und Vätern, die haben Sie zwar nicht erwähnt, aber die
gibt es auch, finde ich unwahrscheinlich schlimm.
Ich will Ihrer Diktion folgen und bei den
allein erziehenden Müttern bleiben. Diese Frauen müssen ihren Lebensunterhalt
verdienen, um die Grundlagen für ihre Kinder und sich zu erhalten und zu
schaffen. Von diesen Frauen wird nicht nur der volle Arbeitseinsatz verlangt,
sie müssen auch noch vollen Einsatz für ihre Kinder leisten. Gerade
dieser Einsatz ist für unsere Gesellschaft von höchster Priorität. Und sie
sagen lapidar, dann muss sich man halt neu organisieren.
Wie denn? Wie denn, wenn es die
Betreuungseinrichtungen nicht zulassen? Wie denn, wenn es keine Hilfskräfte im
privaten Umfeld gibt? Wie soll denn ein Vorsteher angesichts der ständig
steigenden Arbeitsbelastungen im Verhältnis zu anderen Angehörigen
des Amtes auf Dauer helfen können?
Tatsache
ist, dass diese Frauen auf der Strecke bleiben werden. Sie dürfen als Dank für
ihren Einsatz damit rechnen, dass sie im Alter finanziell noch bestraft werden.
Dies ist vergleichbar mit einer Krankheit, deren negative Langzeitfolgen spät,
aber um so durchschlagender wirksam werden.
7.
Stellenabbau
Sie
verweisen darauf, dass ein Stellenabbau erfolgen wird, wenn es zu einer Arbeitszeitverlängerung
nach
den Vorstellungen der Landesregierung kommen wird. Sie verweisen auch darauf,
dass die jetzt Ausgebildeten noch übernommen werden können. Das
ist wirklich schön. Tatsache ist aber, dass wegen Stellenabbaues bei
gleichzeitig ständig steigender steuerrechtlicher Aufgaben keine jungen Leute mehr eingestellt werden können.
Tatsache
ist auch, dass damit ein guter Beitrag zur Bekämpfung der schlimmen
Jugendarbeitslosigkeit geleistet wird: nämlich nichts!
Haben
Sie eigentlich auch mal bedacht, dass eine solche Entwicklung dazu führen wird,
dass die Steuerverwaltung aufgrund der Altersentwicklung nur noch Beschäftigte
haben wird, die kurz vor der Pensionierung stehen? Vielleicht
ist das auch Absicht, um auf diese Weise die Steuerverwaltung als
personalpolitisches Reservoir für andere Zwecke des Landes nutzen zu können.
Da
sich nach meiner Auffassung die Landesregierung hinsichtlich der Einsparungen für
den Beamtenbereich durch eine Art Bunkermentalität auszeichnet, will ich es mit
diesen Ausführungen bewenden lassen.
Ich
weiß, dass ich nach Ihrer Auffassung vielleicht manches überzogen dargestellt
habe. So ist es aber nun einmal, wenn man mir ungerechtfertigter Weise an den Geldbeutel will und
mich als Beamten wie Wild auf einer Treibjagd behandelt.
Trotzdem einen freundlichen
Gruß
Ihr
|
|
Werner
Siggelkow
Landesvorsitzender